Ökonom und Politiker (1864–1943). Eigenh. Brief mit Unterschrift. („G. Schulze“). Heidelberg. (Gr.-)8vo. 5 pp. auf 3 Bll. Mit einer Beilage (s. u.).
$ 992 / 850 €
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An den Wirtschaftswissenschaftler und Sozialreformer Lujo Brentano (1844–1931) mit einer ausführlichen Darstellung seiner zukünftigen Beschäftigung: „Zu dem Ihnen mitgetheilten Endentschluß [d. i. an einer neu einzurichtenden Rubrik des „Deutschen Wochenblatts“ zur Arbeiterfrage im In- und Ausland nicht mitzuarbeiten] haben mich keineswegs irgend welche, sei es günstige, sei es ungünstige Besprechungen meines Buches geleitet – ganz einfach weil ich überhaupt keine lese, aus Mangel an Zeit.
Nur bei Lotz und Herkner machte ich aus persönlichen Gründen eine Ausnahme, von den Angriffen, von denen Lotz berichtet und Sie mir schreiben, wußte ich bisher noch nichts. Vielmehr handelt es sich um einen wohl überlegten, seit Jahren gefaßten Plan, wenn ich mich zur Zeit dem Ausland widme. Nicht erst auf Ihren Brief, ja schon im Sommer sprach ich Ihnen von meiner Reise. Wenn ich zu einer meiner Lebensaufgaben die Arbeiterfrage mache, so heißt das nicht, wie ich heute oder morgen am meisten wirke. Ich habe vielmehr zu fragen, wie ich am fachentsprechendsten ein ganzes Leben disponire. Ich bin dazu um so mehr berechtigt, als der Kampf, in den ich eingreifen will, nicht heute oder morgen entschieden sein wird. Es handelt sich um einen Kampf, der in Deutschland Jahrzehnte, ja Generationen dauern wird, der in 5 Jahren nicht anders als heute toben wird. Zudem scheint mir der Moment nichts weniger als kritisch; wie ich höre ist zur Zeit die Gefahr einer Erneuerung des Socialist[en]gesetzes nicht vorhanden [...]“. – Gerhard von Schulze-Gaevernitz wurde einige Jahre darauf Professor und Ordinarius für Volkswirtschaft an der Universität Freiburg i. B. „1926 wurde er Chef der wissenschaftlichen Abteilung des Instituts für geistige Zusammenarbeit beim Völkerbund. S.-G. gehörte 1912–20 als Mitglied der Fortschrittlichen Freiheitspartei bzw. der Deutschen Demokratischen Partei dem Reichstag bzw. der Nationalversammlung an. Er schrieb u. a. ‚England und Deutschland’ (1908). – Mit einigen Stecknadeldurchstichen im linken oberen Rand und zahlr. An- bzw. Unterstreichungen in Blei- und Farbstift. – Beiliegend ein Blatt mit Lektüreexzerpten von nicht identifizierter Hand (¾ S. 8°)..
