Graphologe und Hellseher (1874-ca. 1943).
Eigenh. Brief mit Unterschrift. Wien. Gr.-8vo. 1 p. Doppelblatt.
$ 938 / 800 €
(97283)
An einen namentlich nicht genannte Empfängerin: „[…] Falls Sie gesehen hätten, mit welch inniger Freude ich Ihre lieben Zeilen gelesen habe, ein Lebenszeichen von Ihnen wäre viel früher in meine Hände gelangt. Auch ich fühle, daß wir uns öfter sehen sollten u. es ist mir ein besonderes Vergnügen Ihnen zu sagen, daß ich oft Ihrer gedenke. Sie wissen, daß der Gedanke zu Ihrem Blücke beitragen zu können, ehrlich und uneigennützig ist. - Den betreffenden habe ich seither nur einmal flüchtig in Begleitung gesehen.
Lieder konnte ich mit Rücksicht auf die Dame, keinen Kontakt suchen. Allein die Sache ist nicht aufgegeben; die Gelegenheit wird nicht ausbleiben. […]“ Schermann beschäftigte sich mit Graphologie und gab sich als Hellseher aus. Oskar Fischer, Psychiatrieprofessor an der Karl-Ferdinands-Universität in Prag, führte mit Schermann zwischen 1916 und 1918 eine Reihe von Versuchen durch, die ihn zum Teil beeindruckten, Fischer publizierte darüber 1924. 1918 hielt Schermann in Wien seinen ersten öffentlichen Vortrag. Es folgten Vortragsreisen nach Ungarn, Polen, Rumänien, in die Tschechoslowakei und die Schweiz. 1923/24 unternahm er eine Vortragsreise durch die USA. Zu seinen Kunden gehörten Karl Kraus, Oskar Kokoschka und Adolf Loos. Schermann veröffentlichte 1929 sein Buch über die Graphologie, es erschien 1939 in der französischen Übersetzung von Ivan Goll und mit einem Vorwort von Jules Crépieux-Jamin bei Gallimard in Paris. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 floh Schermann nach Polen, wo er seine Schriften in polnischer Übersetzung herausbrachte. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 floh er nach Lemberg, das gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt an die Sowjetunion fiel. Die Sowjets deportieren ihn von dort. Schermann starb wahrscheinlich 1943 in einem Zwangsarbeitslager bei Akmolinsk in Kasachstan..
