Theologe und Philosoph (1768–1834). Eigenh. Brief mit Unterschrift. Berlin. 3 1/2 pp. Doppelblatt. Gebräunt und leicht fleckig.
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An Friedrike Reichardt (1790-1869): „Die Süßigkeiten die Sie wol erhalten haben werden liebstes Rickchen waren eigentlich bestimmt Ihren Geburtstag zu schmükken: allein eben damals war ich eben auf mehrere große Diners eingeladen und da hielt ich es für weit besser nach dem Beispiel der Gräfin Kunheim dort allmählig 5 alles zusammenzufischen als mühsam beim Conditor zu kaufen[.] Darum hat es nun so lange gewährt, daß Sie den Geburtstag schon halb wieder vergessen haben, und daß ich Ihnen nun lieber alle die Herrlichkeiten darbringen will um Ihnen das Mündchen zu stopfen wenn Sie etwa über mein langes Nichtschreiben schmollen wollen.
Warlich ich bin ein rechter 10 Sünder in diesem Stükk, und erkenne es auch an aber es will mir hier in Berlin durchaus gar nicht so gut werden in meine gewohnte Weise des Briefschreibens hinein zu kommen. Ich weiß kaum eine andere Zeit dazu auszumitteln als des Abends wenn wir aus dem Thiergarten zurükkehren, und dann bin ich in der Regel so sehr müde, wie ich sonst gar nicht zu 15 sein pflege so daß ich mir selbst zum Wunder bin. Wäre mir nur wenigstens vergönnt, wenn es doch einmal so arg ist, die ganze Zeit die jezt losgegangen ist zu verschlafen Sehn Sie liebstes Riekchen so war ich ganz vom Schreiben ab und nicht wieder dazu gekommen so daß auch | Ihre Sendung und Ihre Nachricht 20 von der Ankunft der Schachtel mich überrascht hat da eigentlich mein Brief mit der Schachtel zugleich nur mit der reitenden Post kommen sollte. So sehr schlecht geht es mir mit meinem guten Willen daß ich nichts ausführe. Hiebei also hat freilich meine Faulheit Sie genöthiget erst eine Muthmaßung zu machen die richtig war - aber liebstes Riekchen was an 25 mir hat ihnen wol Veranlassung gegeben zu einer andern Muthmaßung die nichts weniger als richtig ist? Sie müssen wissen Luise Raumer und ich sind sehr gute Freunde, und sie hat mir etwas verrathen. Freilich klingt so etwas wiedergesagt oft weit härter und schrekhafter als im Zusammenhange, aber sie hat doch wohl gethan es mir zu sagen. Wenn ich doch wüßte seit wann Sie denn meinen, daß ich Sie weniger lieb habe? Vielleicht gar seitdem ich mich ganz besonders an und mit Ihnen freue, und ganz besonders wünsche daß Sie recht viel Vertrauen zu mir haben möchten? Sie sehen, ich weiß von nichts, als daß es so nicht sein kann. Aber irgend etwas muß Ihnen doch so ausgesehn haben, und das wüßte ich gern wiewol ich Ihnen nicht dafür stehn kann ob ich es Ihnen erklären könnte, weil ich alles Einzelne so ungeheuer leicht vergesse. Indeß kennen Sie mich auch genug, um zu wissen daß oft etwas an mir anders aussieht und anders genommen wird als es ist, und das sezen Sie nur wenn ich Ihnen je so vorkomme ein für allemal immer voraus. Ich habe bei dieser Gelegenheit Luisen demonstrirt, wie es mir gar nicht begegnen könnte 40 von meiner Zuneigung zu irgend einem Menschen zurükzukommen, weil es so in meiner Natur liegt, daß Urtheil und Gefühl sich nicht eher fixirt als wenn ich ein ganzes Bild vor mir habe, und wie man hernach wieder Urtheil und Gesinnung ändern könnte da doch der Gegenstand selbst nicht anders wird das begreife ich gar nicht. Ich wünsche nur daß Ihnen das ebenso einleuchten möge als Luisen. Diese verläßt uns und geht vielleicht Morgen schon ohne daß ich sie noch sehe nach Wusterhausen zu ihrem Bruder. Das freut mich sehr denn nach allem was sie gelitten that ihr eine durch und durch gehende Erholung recht Noth, und ich weiß nicht wo sie die besser finden sollte als dort. Sie 50 ist wirklich sehr angegriffen wie es auch nicht anders sein kann; und mir war bange daß sie wenn es länger dauerte einen wesentlichen Schaden an ihrer Gesundheit würde gelitten haben. Die Wirkungen des entscheidenden Augenblikkes fürchtete ich nicht sehr denn sie hatte den Tod schon lange vorausgesehm und den Schmerz darüber in sich getragen. Wie sehr wollte ich daß das liebe Mädchen nun bald einen Haltungspunkt fände für ihr ganzes Leben; es muß jezt eine Leere in ihr sein, die sie bei ihrem Bruder zwar auf eine Weile vergessen kann, die sie aber doch gewiß wie der fühlen wird, sobald sie wahrnimmt daß sie ihm nicht eigentlich nothwendig ist. Ich kann Ihnen gar nicht genug sagen wie lieb mir Luise ist, doch ich kann ihnen auch überhaupt nicht mehr sagen sondern muß schließen wenn der Brief die Post nicht versäumen soll. Grüßen Sie Ihre ganze Gesellschaft von mir und bewirken Sie mir Verzeihung bei Luisen. Nächstens schreibe ich ihr gewiß recht ordentlich, und gute Besserung und viel Geduld den kleinen Patienten. Schl. Ohne meine Schuld ist der Brief neulich liegen geblieben aber nun hat er gar auch noch die heutige Post versäumt nicht ganz ohne meine Schuld. Ich öffne ihn noch einmal wieder um Ihnen zu sagen, daß Luise Raumer wirklich abgereist ist und zwar zu Kahn, daß ich sie noch einmal mit ihrem Bruder gesehen habe, und daß ich in einigen Stunden auch abreise nemlich auf einige Tage mit Marwiz nach Friedersdorf. Reimer und Müller wollen mich von dort wieder abholen und das kann eine recht schöne Parthie werden. Nanny wird hoffentlich diesen Brief unterdeß besorgen damit er nicht noch mehr unglükliche Schiksale erlebt. Bei meiner Zurükkunft hoffe ich auch nähere Nachrichten vom Frieden zu finden die jezige Ungewißheit was er eigentlich enthält ist mir sehr verdrießlich. Tausend Entschuldigungen muß ich Ihnen noch machen wegen des schlechten Schreibens und des wo möglich noch schlechtern Papiers. Ich so wiederhole meine Grüße. Caroline Wucherer hat doch hoffentlich ihre Schachtel eben so sicher erhalten erhalten als Sie. Adio liebstes Rickchen auf baldiges Wiederschreiben. Schl.“.
